Der Einstieg von “Wenn Männer mir die Welt erklären” von Rebecca Solnit ist stark und katapultiert so manche Leserin vermutlich sofort in die Situation einer individuellen Lebenserfahrung zurück. Welche Frau hat einen solchen Mann noch nicht erlebt, der glaubt, er muss seiner Gesprächspartnerin die Welt erklären. Die US-Autorin entlarvt in diesem Werk in sieben Essay eine geschlechterspezifische Gesprächskultur. Nicht ohne Grund löste die US-Autorin und Publizistin damit 2008 hitzige Diskussionen über männliche Besserwisserei aus. Auf der Onlineplattform TomDispatch.com, dort wurde der titelgebend Essay erstmalig veröffentlicht, überschlugen sich die Klickzahlen. Die Wortneuschöpfung “Mansplaining” war geboren. Ein englisches Wortgebilde aus “man” und “explaining”. Natürlich gibt es auch weibliche “Alleswisser”, die sich gerne selber reden hören und einen ununterbrochen zutexten. Die Autorin entlarvt aber ein männliches Kommunikationsmuster, das Frauen ganz klar auf ihre Ränge verweist. Aber das Konzept dahinter geht noch viel weiter. Männer demonstrieren damit Macht, sie reden Frauen klein und nicht zuletzt stellen sie sie als unglaubwürdig dar. 

Der Übergang zur Gewalt ist fließend

Erschreckend ist, wie fließend der Übergang von Demütigung und Diskreditierung in der Gesprächskultur zu körperlicher Gewalt ist. Es handelt sich um dieselben Mechanismen, um Formen der Unterdrückung, um Machtdemonstration. Wir halten den Buchclub zu “Wenn Männer mir die Welt erklären” inmitten der Zeit der “16 Tage gegen Gewalt an Frauen” ab. Die UN-Kampagne „Orange The World“ findet jährlich zwischen dem 25. November, dem “Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen”, und dem 10. Dezember, dem “Internationalen Menschenrechtstag”, statt, um ein sichtbares Zeichen gegen Gewalt an Frauen zu setzen. Solnit bringt globale Gewalt- und Vergewaltigungsbeispiele, Zahlen, Fakten sowie Statistiken, welche die Leserin immer wieder leicht zusammenzucken lassen. Sie beweist damit, wie sehr es notwendig ist, fortwährend über Rollenbilder, Männlichkeit und das Patriarchat zu debattieren.

Wir müssen dran bleiben

Warum wir dieses Buch für unseren Buchclub gewählt haben? Weill es zeigt, wie dringend es Feminismus auch heute noch braucht. Weil Solnit die Missstände in unserer Gesellschaft beim Namen nennt und belegt. “Weil es uns den Spiegel vorhält und ganz viele Thematiken aufwirft”, wie es ein Mitglied des Buchclubs ausdrückt. Eine Tatsache, die uns nach der Lektüre alle nachhaltig beschäftigt, sind die Techniken, die Männer nutzen, um die Glaubwürdigkeit von Frauen zu untergraben. “Jede Frau findet in diesem Buch ihren persönlichen Triggerpunkt. Bis zu einem gewissen Punkt, wird einem die Unbefangenheit gegenüber Männern genommen, sofern man sie bislang noch hatte”, findet eine andere. Und was können wir als Lösung beitragen? “In der Erziehung, in der Schule ansetzen”, ist ein Ansatz in der Diskussion zum Buch. “Buben adressieren, ihnen auf ansprechende Art erklären, wo sexuelle Belästigung beginnt” und potenzielle Täter, also Männer ansprechen, sind weitere Impulse der Buchclub-Diskussionsrunde. Ein Schritt nach vorne, ist die Anerkennung, dass Frauenfeindlichkeit und Sexismus Gesellschaftsprobleme sind, die nicht nur Frauen betreffen. Ein offener Dialog, auch mit Männern, über diese Themen, lädt dazu ein, Missstände herauszufordern und abzubauen.

Die folgende Bewertung der Buchclub-Mitglieder gibt einen guten Überblick unseres Eindrucks vom Buch. Dass die höchste Bewertung mit 3,8 Punkten bei der “Emotionalen Wirkung” erscheint, liegt sicherlich daran, dass die erschütternden Fakten keine von uns unberührt ließen und auch noch lange nachwirken werden.

Lesefluss: 2,5
Sprache und Stil: 2,6
Aufbau und Handlung: 2,5
Emotionale Wirkung: 3,8
Gesamteindruck: 3,5

★★★★★
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“Wenn Männer mir die Welt erklären”
Originaltitel: Men explain Things to Me
Übersetzt von Kathrin Razum, Bettina Münch
176 Seiten, Taschenbuch
btb Verlag, 2017
ISBN: 978-3-442-71439-1