Weit mehr als ein Liebesroman - “Ava liebt noch” von Vera Zischke


“Mutter werden und Frau bleiben”, beschreibt der Klappentext das Herzstück von Vera Zischkes Roman “Ava liebt noch”. Obwohl dieser Satz den Kerninhalt sehr treffend wiedergibt, ist das Werk weit mehr als der Ruf nach verlorener Weiblichkeit oder ersehnter Freiheit. Wir sprechen hier über ein Werk mit unglaublichem Tiefgang, das frau auf den ersten Blick als reinen Liebesroman unterschätzen könnte.

Die letzten zwölf Jahre eingefroren

“Ich will auf keinen Fall als die Frau alt werden, die ich gerade bin”, sagt die 43-jährige Protagonistin Ava und empfindet ihr Muttersein so: "Die letzten zwölf davon [Anm.: Jahre] war ich eingefroren”. Das älteste ihrer drei Kinder kommt gerade in die Pubertät. Mit “Ava liebt noch” liegt ein Roman vor, der von einer verheirateten Mittvierzigerin erzählt, die aus ihrer Rolle als Mutter ein Stück weit ausbricht und eine Affäre mit dem 19-Jährigen Schwimmlehrer ihrer Tochter beginnt. So platt dieser Plot klingt, Zischke gelingt es anhand der Story nicht nur, eine außergewöhnliche Liebesgeschichte zu erzählen. Sie schafft es darüber hinaus, scheinbar Beiläufiges wahnsinnig eindringlich und bildhaft zu beschreiben. “Ich habe viele Jahre lang die Luft angehalten”, aber dann bricht Ava aus und spürt erneut die Freiheit, nach der sie gesucht hat. Dennoch, sie kann diese Freiheit nicht uneingeschränkt genießen. Innerlich ist sie zwischen der Liebe zu ihren Kindern und jener zu ihrem Liebhaber Kieran zerrissen. Fast unscheinbar tritt daneben der Ehemann als Statist nur hier und da auf.

Authentisch und gesellschaftsrelevant

Dass die Erzählperspektive kapitelweise zwischen dem Liebhaber Kieran und Ava wechselt, ist anfangs gewöhnungsbedürftig. Stellenweise ist Kieran etwas eindimensional, zu glatt, zu perfekt dargestellt. Großer Vorteil: Das Stilmittel eröffnet den Blick auf beide Seiten und weckt die Neugierde: Wie hat Kieran die Szene wohl erlebt? Wie hat er die Situation empfunden? Was das Buch aber für uns im Femunity-Kreis besonders wertvoll macht, sind neben der hohen Authentizität der Liebesgeschichte die vielfältigen gesellschaftlich relevanten Themen, die Zischke wie im Vorbeigehen auf so sanfte Weise mitnimmt. Sie kritisiert verhärtete Rollenbilder, erwähnt alternative Familienmodelle und den hier relevanten Altersunterschied in Liebesbeziehungen. Auch das Thema Krankheit (Krebs, mit Hinweis Zischkes vor Romanbeginn) greift die Autorin auf.

Mit Nachgang

Obwohl der Gedanke an eine Affäre keine Rolle spielen mag, die Sehnsucht nach Freiheit oder reiner Eigenverantwortlichkeit rührt in jeder von uns. Und all die mit der Geschichte verwobenen sensiblen Themen hallen intensiv nach. Das Buch fordert die Leserin emotional und regt zum Nachdenken an. Wer Lesestoff sucht, der berührt, emotional fordernd ist und zum Nachdenken über das eigene Selbstbild anregt, der sollte sich das Werk, das weit mehr ist als ein reiner Liebesroman, nicht entgehen lassen.

Veränderung durch Femunity-Buchclub

Ein kleiner Exkurs zum Schluss: “Jedes Buch, das ich schreibe, verändert mich ein Stück weit”, postulierte die Autorin Beatrice Frasl jüngst im Zuge einer Lesung in Wien. Nachvollziehbar, handelt es sich beim Schreiben um einen sehr intensiven, sogar intimen Prozess. Aber auch als Literaturkonsumentinnen spüren wir diese Empfindung. Ein jedes der vier Werke, das wir bisher im Femunity-Buchclub durchgenommen haben, veränderte uns sowie unsere Sichtweise zu konkreten feministischen Themen. Den Weg, den wir Femunity-Rezipientinnen bisher gemeinsam im Buchclub gegangen sind, das ist ein Weg voller Erkenntnisse, leidenschaftlicher Gespräche und verändernder Momente. Wir führen Diskussionen, die wir sonst niemandem führen können. Deshalb rühren wir an dieser Stelle noch einmal die Werbetrommel: Wir laden interessierte Frauen herzlich ein.

Text & Foto: Kathrin Lanz


Die folgende Bewertung der Buchclub-Mitglieder gibt einen guten Überblick unseres Eindrucks vom Buch.

Lesefluss: 5
Sprache und Stil: 3,8
Aufbau und Handlung: 4
Emotionale Wirkung: 4,3
Gesamteindruck: 3,8

★★★★★
★★★★★

“Ava liebt noch”
von Vera Zischke
304 Seiten, Taschenbuch
Ullstein Taschenbuch
1 Auflage: Januar 2026
ISBN: 978-3-548-07344-6